Für alle anderen gilt: Hjärtligt välkomna, aber zieht euch bitte die Schuhe aus, bevor ihr hereinkommt.

In ihrer Sammlung „Orden som formade Sverige“ („Made in Sweden: 25 Ideas That Created A Country“) widmet die Schriftstellerin Elisabeth Åsbrink dem ungeschriebenen Gesetz des Schuhe Ausziehens den Aufsatz „Ta av dig skorna 1936“ (“Zieh dir die Schuhe aus 1936“).

Åsbrinks aus London und Budapest eingewanderte Eltern, die sich im Schweden der 1960-er Jahre kennenlernten, pflegten hauptsächlich Umgang mit Briten, Amerikanern, Jugoslawen und Ungarn, von denen niemand auf die Idee gekommen wäre, in „schuhloser Intimität“ miteinander zu verkehren.

Zum Abendessen eingeladen sein, sich schön kleiden, dann aber den Abend auf Strümpfen verbringen? Für kultivierte Menschen undenkbar.

Nun, wenn Freundinnen meiner Oma (* 1919) zu Besuch kamen, hatten sie einen Beutel mit gediegenen „inneskor“ („Drinnenschuhe“) bei sich, die nicht mit ausgebeulten Hauspuschen zu verwechseln waren. So blieb die ältere Generation auch „zu Besuch“ adrett angezogen und gab sich an den Füßen keine Blöße.

Das Jahr 1936, eingebettet in ein ganzes Jahrzehnt, das sich dem Reinheitseifer und der Modernität verschrieben hatte, gibt Aufschluss über die noch immer aktuelle Sitte.

Zuvor war man im „Bauernland Schweden“ mit Schuhen vom Feld in die Wohnung gestiefelt und hatte den Dreck der Straße, Erde, Lehm und Bakterien mit hineingebracht.1932 war das Geburtsjahr des sogenannten schwedischen „folkhemmet“ (Volksheim oder Schwedischer Wohlfahrtsstaat). 1934 publizierten Alva Myrdal, Soziologin und später Politikerin, und Gunnar Myrdal, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, ihr einflussreiches Buch „Krise in der Bevölkerungsfrage“, das den starken Geburtenrückgang erörterte, und Lösungen für die drohende Bevölkerungskrise lieferte.

Die Wohnungsbaupolitik sah man als eine Grundvoraussetzung einer „prophylaktischen Sozialpolitik“, die insgesamt dem Bestreben galt, „die Qualität der Bevölkerung zu erhöhen“. Tatsächlich wurden bald darauf u.a. 12 000 Wohnungen für kinderreiche Familien gebaut. Nicht nur die Kinder, auch die Mieter wurden nun erzogen. 1936 verschärfte man in der „hälsovårdsstadga“, der Satzung des Gesundheitswesens, die Regeln für die Wohnungsinspektion.

Die Wohnungsinspekteure sollten als die „Heimkontrolleure“ der Gesellschaft fungieren, wobei es um mehr ging, als nur den Feuchtigkeitsgrad und die angemessene Temperatur der Wohnung zu überprüfen.

Die Anweisungen des „Medicinalstyrelsen“ (seit 1968 Socialstyrelsen, das Zentralamt für Gesundheits- und Sozialwesen) für die Wohnungskontrolleure besagten, dass den Menschen beizubringen war, ihre Wohnungen sauber zu halten und sie nicht „unnötig“ zu verdrecken. So musste vor jeder Haustür eine Fußmatte vorhanden sein. Müll sollte so zeitig wie möglich hinausgetragen werden. Um Staub und Ungeziefer zu vermeiden, war sorgfältiges Putzen vonnöten. Auch sich selbst sollte man sauber halten und sich deshalb mindestens einmal in der Woche „einer sorgfältigen Reinigung“ unterwerfen. Die Badewanne, neueste Errungenschaft, sollte nicht als Schlafplatz vermietet werden. Beim Beziehen der Betten, nach dem Kochen und vor dem Zubettgehen war Durchzug angesagt. Vor allem aber sollte jede Familie verstehen, dass der Zustand ihrer Wohnung keine Privatsache war, sondern die gesamte Gesellschaft etwas anging.

Im Zuge dessen wurde nun auch das Ausziehen der Schuhe vor dem Betreten der Wohnung zur vorgeschriebenen Notwendigkeit.

Auch wenn Pippi, und mit ihr ihr erfrischendes Menschenbild, erst 1945 das Licht der Welt erblickte, mit den Wohnungsinspekteuren hätte sie sicher Rat gewusst: Über die Schulter legen und auf dem Dachfirst versauern lassen. Ihre Schuhe behält Pippi jedenfalls an, wie wir wissen, sogar im Bett.

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